Vom Neonazi zum Anti-Gewalt-Trainer

Philipp Schlaffer erzählt im Scheffold-Gymnasium aus seinem Leben

Mit einem freundlichen „Moin, Moin“ und breiten Grinsen begrüßt Philipp Schlaffer die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe im Musiksaal des Scheffold-Gymnasiums. Das soll ein Neonazi gewesen sein? Ein Typ, der vor ein paar Jahren als „Staatsfeind Nummer 1“ bezeichnet wurde? Jemand, der im Drogenhandel und Rotlichtmilieu tätig gewesen ist? Und in regelmäßigen Abständen Besuch vom SEK bekommen hat? 

Die vielen Tätowierungen an Armen, Beinen und Hals könnten die Klischees bestätigen, die man mit Rechtsextremen in Verbindung bringt. Die kräftige Stimme, die körperliche Präsenz des Zwei-Meter Mannes, das blonde kurze Haar und die klare Sprache lassen erahnen, wie Schlaffer früher seine Parolen gegen Ausländer und fürs Vaterland hinausgeschrien hat. Und doch mag man an diesem Morgen im Musiksaal kaum glauben, dass da ein Mensch vor einem steht, der über sich selber sagt, dass er alle Menschen in seinem Umfeld „nur negativ beeinflusst“ habe. Oder so Sätze raushaut wie: „Wenn wir an die Macht gekommen wären, hätten wir dieses Land kaputt gemacht.“

Vielleicht liegt es an diesen Extremen, welche die Schülerinnen und Schüler atemlos zuhören lassen, was Philipp Schlaffer ihnen zu erzählen hat – und dabei mit einigen gängigen Klischees aufräumt.

Sein Leben begann behütet, in einem kleinen Städtchen nahe Lübeck. Vater Ingenieur, Mutter Hausfrau, eine Schwester. Gutbürgerlich also. Leistung, Abitur, Bildung – das habe in seinem Elternhaus gezählt. Vor allem die Liebe seines Vaters sei an diese Bedingungen geknüpft gewesen. „Das Recht zu scheitern hatte ich nie“, stellt Schlaffer fest.

Bis zu seinem zehnten Lebensjahr lief alles glatt. Dann beschließt der Vater, beruflich nach England auszuwandern. Für Schlaffer bricht eine Welt zusammen: „Vorher war ich ein zehnjähriger Junge, der zu Geburtstagen eingeladen wurde, jetzt war ich plötzlich nichts mehr“, erzählt er. Es dauert, bis er sich in England heimisch fühlt. Es dauert, bis Gefühle wie   Entwurzelung und Einsamkeit seinen Alltag nicht mehr prägen. Und bis aus „Nazi-Pig“ – sein anfänglicher Spitzname, dessen Bedeutung er sich erstmal von seiner Mutter erklären lassen musste – der „good fellow“ wurde. Nach vier Jahren fühlt er sich als Engländer, will „kein Deutscher mehr sein“ – und muss dann mit seiner Familie wieder nach Deutschland zurückkehren. Wut und Rebellion gegen den Beschluss der Eltern und ein unendlicher Hass auf alles und jeden sind die beherrschenden Gefühle. Was folgt, hört sich an wie der tragische Fall eines griechischen Helden aus einem Trauerspiel: Schlaffer scheitert auf ganzer Linie. In der Schule genügt er den Ansprüchen nicht und wechselt vom Gymnasium auf die Realschule. Während seine Schwester mit dem erneuten Wechsel gut zurecht kommt, fühlt er sich immer mehr als „ungeliebtes Kind“. Keine Freunde, dafür Schlägereien. Der einzige Halt: Einschlägige Musik, die diejenigen hören, die ähnlich ticken wie er – Rechtsrock. „Die Musik hat mich radikalisiert“, ist sich Schlaffer heute sicher, „über die Musik habe ich gelernt zu hassen.“ Nun beginnt sein „Intensivstraftäterleben“, wie er es selbst nennt und dabei seinen Eltern vorwirft: „Sie haben die Brüche nicht gesehen, waren nicht achtsam. Irgendwann wollte ich mir mein Nazi-Dasein nicht mehr wegnehmen lassen.“ Anerkennung und Wertschätzung findet er nun bei Gleichgesinnten, sogar seine Freundinnen kommen aus der Szene. Schlaffer macht als Neonazi schnell „Karriere“: Er gründet die rechtsradikale „Kameradschaft Werwölfe“, eine Gruppe gewalttätiger, oft vorbestrafter Nazis, die „unsere Stadt Wismar terrorisiert hat“. Er wird Präsident des mittlerweile verbotenen Motorradclubs „Schwarze Schar“ und mischt im Drogenhandel und Rotlichtmilieu mit. Schlaffer ist 30 Jahre alt, trägt Bomberjacke, Springerstiefel und Glatze, als etwas passiert, dass ihn nach fast 10-jähriger Funkstille zu seiner Familie wieder zum Telefon greifen lässt: Ein Mord an Silvester, ausgeführt von seinen Kumpels, lässt ihn gedanklich nicht mehr los. Schlaffer schafft den Ausstieg – aber es ist ein langer Weg. 2014 kommt er für seine Machenschaften als Rockerboss und Drogendealer hinter Gitter. In der JVA Stralsund verbüßt er eine Gefängnisstrafe von zwei Jahren und 10 Monaten. In dieser Zeit steht ihm seine Familie bei, außerdem „hatte ich das Glück, eine tolle Pastorin als Seelsorgerin zu haben.“ Er beschließt, sein Leben von Grund auf zu ändern: heute ist der 42-jährige Schlaffer Deradikalisierungstrainer und setzt sich mit seinem Verein „Extremislos e.V.“ aktiv gegen Rassismus und für Demokratie und Toleranz ein.

Am Scheffold-Gymnasium erzählt er selbstkritisch und authentisch seine Lebensgeschichte, beantwortet die Fragen der Schülerinnen und Schüler mit entwaffnender Ehrlichkeit und schließt mit folgenden Worten: „Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Um sie zu schützen ist es heute wichtiger denn je, rechte Tendenzen zu erkennen und sich diesen entschieden entgegenzustellen.“

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